In memoriam Dr. Josef Stitzl


Arzt, Medizinhistoriker, Fußballnationalspieler und Heimatforscher aus Rekasch


 

 Am 21. Dezember wäre der 1892 in Rekasch geborene Dr. Josef Stitzl 120 Jahre alt. Er war eine weit über Rekasch und das Banat hinaus bekannte Persönlichkeit, die sich nicht nur als Arzt sondern insbesondere auch als Medizinhistoriker, Sportler und Heimatforscher große Verdienste erworben hat.



Dr. Josef Stitzl an seinem Schreibtisch
(Quelle: Archiv HOG Rekasch, Franz Bertram, Fotograf: unbekannt)


Nach dem Besuch der Volksschule in seiner Heimatgemeinde besuchte er das Staatsgymnasium und des Piaristengymnasium in Temeswar. Sein anschließendes Medizinstudium in Budapest wurde 1914 durch den 1. Weltkrieg unterbrochen, als er als Sanitätsoffizier Kriegsdienst an der Ostfront und in Italien leisten musste. Nach der Kriegsgefangenschaft in Sibirien  setzte er 1919-1920 sein Medizinstudium in Klausenburg fort und lies sich nach der Promotion  in seiner Heimatgemeinde Rekasch als Arzt und Kreisarzt nieder, wobei er bereits 1921 trotz fehlendem elektrischem Stroms (ein Benzinmotor lieferte die Energie) mit einem Röntgengerät arbeitete. 1940 übersiedelte er nach Lugosch, wo er bis 1944 als Privatarzt tätig war. Nach der Besetzung Rumäniens durch die Rote Armee wurde Dr. Stitzl verhaftet und durchwanderte als politisch Verfolgter bis 1946 mehrere Internierungslager in Altrumänien. Danach  kam er erneut in seine Heimatgemeinde Rekasch, wo er bis 1950 wieder den Beruf eines Privatarztes ausübte. Anschließend  war er bis zu seiner Ruhestandsversetzung im Jahre 1955 als Betriebsarzt im staatlichen Landwirtschaftsbetrieb in Rekasch tätig.

Dr. Josef Stitzl war Arzt aus Berufung. Er war Tag und Nacht für seine Patienten zur Stelle und half tausenden Bewohnern von Rekasch und Umgebung, ihre Gesundheit wieder zu erhalten. Der erhabene Beruf des Arztes allein konnte aber nicht die Arbeitskraft dieses wissensdurstigen Mannes befriedigen. Bereits als junger Arzt beschäftigte er sich auch mit Übersetzungen aus fremdsprachigen Literaturen und mit historischen Studien. Er, der selbst während seiner Studienzeit in Budapest Mitglied der ungarischen Fußballnationalmannschaft war, schrieb ab 1924 Aufsätze über die antike griechische Olympiade und die Geschichte des Hochsprungs, die in Temeswarer Zeitungen veröffentlicht wurden. Nachdem er 1928 als Arzt die rumänische Olympiamannschaft bei den Olympischen Spielen in Amsterdam begleitet hat, veröffentlichte er 1928-1929 seine interessante Artikelreihe „Als Sportarzt bei der Amsterdamer Olympiade“ in der Temeswarer Fachzeitschrift „Praxis Medici“.

Die Medizinhistorie interessierte Dr. Stitzl ganz besonders. Er war einer der eifrigsten Erforscher der Vergangenheit des Banater Gesundheitswesens und Mitarbeiter der seit 1927 erschienen Hermannstädter „Medizinischen Zeitschrift“, in der auch eine Vielzahl seiner Forschungsarbeiten veröffentlicht wurden. Seine Arbeiten wurden aber auch in ausländischen Fachzeitschriften und in verschiedenen Sammelbänden veröffentlicht. Als Beispiel sei seine viel beachtete Veröffentlichung „Der Morbus Hungaricus im Banat“ genannt, die 1937 auch als Sonderabdruck erschienen ist. In dieser Arbeit untersucht Dr. Stitzl die Hauptseuche des Banats im 18. Jahrhundert, wobei er besonders der Frage nachgeht, ob Flecktyphus oder Malaria die Hauptursache für das Massensterben der deutschen Ansiedler im Banat in dieser Zeit war. „Krankheiten und Seuchen im nachtürkischen Banat“, „Das Gesundheitswesen der ehemaligen Militärgrenze“ oder „Beiträge zur Geschichte des Hebammenwesens im Banat“ sind nur einige Beispiele der vielfachen weiteren Forschungsarbeiten von Dr. Josef Stitzl, die größte Beachtung in medizinischen Fachkreisen gefunden haben. Eines seiner weiteren Lieblingsthemen war die Volksheilkunde. Die Ergebnisse seiner diesbezüglichen Studien sind aber leider unveröffentlicht geblieben. In seine medizinischen Forschungsarbeiten hat er auch seine Heimatgemeinde Rekasch mit einbezogen. So wurden beispielsweise seine Artikel „Durchschnittliches Sterbealter oder Lebensdauer der Rekascher deutschen Bevölkerung in der Zeit von 1740-1930“ und „Das Seuchenjahr 1785 in Rekasch und im Banat“ im Jahre 1931 in der „Medizinischen Zeitschrift“ veröffentlicht. Die Entwicklung der Heilbäder Herkulesbad und Busiasch oder die Zahnheilkunde waren ebenfalls Teil seiner Forschungsarbeiten. 



Die in der "Medizinischen Zeitschrift" veröffentlichte Abhandlung "Der Morbus Hungaricus im Banat" fand große Beachtung und wurde auch als Sonderdruck verlegt.
(Quelle: Archiv Luzian Geier)


 Der Medizinhistoriker Dr. Stitzl befasste sich aber nicht nur mit den Krankheiten des 18. und 19. Jahrhunderts, sondern auch mit den Ärzten, die seinerzeit Maßnahmen zu deren Bekämpfung ergriffen haben. Er widmete seine Arbeit auch berühmten Banater Ärzten oder zeitweise im Banat weilenden Ärzten. In umfassenden Studien befasste er sich zum Beispiel mit Dr. Ion Pinariu-Molnar (1749-1815), dem ersten rumänischen Arzt aus Siebenbürgen, Okulist des Fürstentums Siebenbürgen und Verfasser eines deutsch-rumänischen und rumänisch-deutschen Wörterbuchs. Über den Militärarzt Johann Georg Heinrich Kramer, der wahrscheinlich 1716-1720 im Banat weilte und die Chinintherapie in das damals noch sumpfige Gebiet einführte, berichtete Dr. Stitzl in dem Artikel „Der erste Temeschburger Oberarzt“, der auch  in der Medizinischen Zeitschrift veröffentlicht wurde.



In der "Medizinischer Zeitschrift" (Hermannstadt), dem Fachblatt der deutschen Ärzte in Rumänien, sind viele medizingeschichtliche Studien von Dr. Josef Stitzl erschienen.
(Quelle: Archiv Luzian Geier)


Auch nach seiner Pensionierung war die Medizinforschung aus seinem Leben nicht wegzudenken. Er war dabei, als 1959 das Hygieneinstitut Temeswar zusammen mit der Zweigstelle des Verbandes der medizinischen Wissenschaften das erste Symposium für Geschichte der Medizin organisierte. 1962 war er bei der Gründung einer Abteilung der Gesellschaft für Geschichte der Medizin in Temeswar dabei und nahm bis zu seinem Tode an allen Tagungen dieser Institution teil.

Dr. Josef Stitzl war seinem Heimatort Rekasch sein Leben lang eng verbunden. Gleich nach dem Ende seines Studiums und der Eröffnung seiner Arztpraxis hat er sich mit der Geschichte seines Heimatortes Rekasch befasst und im Jahre 1924 die Ortsmonographie „Aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde Rekasch“ verfasst. Es ist ein Werk von unschätzbarem Wert, das uns über die Anfänge der Gemeinde Rekasch, über den Ursprung seines Namens, über die Ansiedlung der Deutschen und der anderen Nationen, über das Gesellschaftsleben und über zahlreiche andere Details informiert. Alles, was wir über die Geschichte dieses Ortes bis zum 20. Jahrhundert wissen, entstammt seiner Feder. Damit hat er sich auch zu einem herausragenden Heimatforscher  gemacht, dessen Werk auch für viele andere Banater Gemeinden zum Vorbild wurde. Sein Engagement für seine Rekascher Mitbürger hat er aber auch mit der Übernahme zahlreicher Ehrenämter zum Ausdruck gebracht. So war er schon Anfang der 20er Jahre Präses des Rekascher Sportklubs und Präses des Rekascher Feuerwehrvereins, Obmann der 1923 gegründeten deutsch-schwäbischen Ortsgemeinschaft, Mitinitiator für die Errichtung eines Heldendenkmals für die Gefallenen des 1. Weltkrieges, bei dessen Enthüllung er am 3.10.1921 die Festrede hielt.



Dr. Stitzl hat sich auch  mit der Geschichte seines Heimatortes Rekasch befasst und im Jahre 1924 die Ortsmonographie „Aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde Rekasch“ verfasst.
(Quelle: Archiv der HOG Rekasch, Schenkung von Erwin Schütz)


Dr. Josef Stitzl ist am 25. Januar 1965 in Rekasch verstorben, ohne dass er alle seine umfangreichen Faktensammlungen noch auswerten  konnte. Sein unermüdliches und vielfältiges Wirken, für das ihm größte Hochachtung und Dank gebührt, ist uns aber bis heute in Erinnerung geblieben. Auch den jüngeren Generationen aus Rekasch, die ihn nicht mehr persönlich erlebt haben, ist der Name Stitzl ein Begriff, denn in seinem ehemaligen Privatsanatorium ist seit 1987 eine ständige Ausstellung zur Geschichte der Gemeinde Rekasch untergebracht, wobei viele Daten aus seinem Werk „Aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde Rekasch“ dort Eingang gefunden haben.

 

Franz Bertram

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